Lehrer als Moderatoren
Neues Lernsystem an fünf Grundschulen im Kreis
Fünf Grundschulen im Kreis sind auf dem Weg zu "EVA". Dabei handelt es sich nicht etwa um eine Frau, sondern hinter dem schönen Mädchennamen verbirgt sich die Abkürzung "EigenVerantwortliches Arbeiten". Das sollen die Kinder künftig stärker lernen.
KREISGEBIET. Im laufenden Schuljahr wird ein neues Lernprojekt an den Grundschulen in Hamm, Etzbach, Weyerbusch sowie "Erich-Kästner" und "Feba" (Freie Evangelische Bekenntnisschule) in Altenkirchen eingeführt. "Pädagogische Schulentwicklung" heißt die von Schulreformer Dr. Heinz Klippert entwickelte Methode, bei der nicht der pure Frontalunterricht, sondern die Gruppenarbeit der Schüler im Vordergrund steht. Der Lehrer ist dabei eher der Moderator der Schulstunde und nicht der reine Wissensvermittler.
"Die Gruppenarbeit hat sich ja schon in der Vergangenheit als sehr effektiv und profitabel für alle herausgestellt", erzählt Jürgen Kessler, Rektor der Grundschule Hamm, der das neue Projekt mit sichtlicher Begeisterung angeht. Und er ergänzt im Gespräch mit der RZ, dass "die absolute Systematisierung durch das Klippert-Programm das ist, was fasziniert." Es gehe darum, Dinge immer wieder zu tun, sodass sie selbstverständlich würden und in der Folge eigenverantwortliches Arbeiten ermöglichten.
Eigenverantwortliches Arbeiten - kurz mit dem Schlagwort "EVA" abgekürzt - ist ohnehin das Ziel des Projektes. Erreicht werden soll es durch eine reformierte Unterrichtssystematik, die auf drei Säulen fußt: Methodentraining, Kommunikationstraining und Teamentwicklung.
Die drei Säulen zu "EVA"
Beim Methodentraining geht es darum, den Schülern die einschlägigen Lern- und Arbeitstechniken zu vermitteln, die sie dazu befähigen, selbstständig lernen zu können. Und eben diese Methoden müssen durch ständige Wiederholungen in Fleisch und Blut übergehen, zur absoluten Routine werden. "Das Lernen lernen", nennt es Renate Wickert, Leiterin der Grundschule Weyerbusch.
Das Kommunikationstraining ist wichtig, weil die Gesprächskompetenz vieler Schüler heutzutage unbefriedigend ist. Weder innerhalb noch außerhalb der Schule wird diszipliniert freies Sprechen geübt. Aus diesem Grund werden die Ergebnisse des in den Gruppen Erarbeiteten auch immer von zwei ausgelosten Schülern vorgestellt. Eine Idee, die von Renate Wickert besonders gelobt wird: "Jeder muss mitmachen und es fördert besonders die schwächeren Kinder, weil keiner sich in der Gruppe verstecken kann."
Die dritte Säule ist die Team-entwicklung, die ebenfalls durch die Gruppenarbeit erreicht werden soll. Auch hier wird die Zusammensetzung ausgelost, was den Vorteil hat, dass die Kinder in immer neuen Konstellationen zusammen arbeiten müssen und somit die elementaren Kooperationsregeln praktisch automatisch erlernen. Denn die Kinder merken, dass sie mit Kai, Frank und Fritz ebenso zusammenarbeiten können wie mit Tina, Maria und Susanne, solange sie nur die erlernten Methoden anwenden.
Umfangreiche Schulungen
Ehe die neuen Methoden, die laut Jürgen Kessler künftig gut 30 Prozent der Unterrichtszeit in Anspruch nehmen werden, in den Klassen zum Einsatz kommen, werden natürlich die Lehrer geschult und über zwei Jahren von so genannten "Lehrertrainerinnen" begleitet. Im September bzw. November finden zudem Blockseminare statt, an denen das komplette Kollegium teilnimmt. "Alle ziehen an einem Strang und nicht nur einzelne Lehrer werden geschult", empfindet Dorothee Becker, Rektorin der "Feba" Altenkirchen, dies als sehr positiv. Zudem lobt sie wie ihre Kollegen Volker Hasselbach (Etzbach) und Ingrid Loos ("Erich Kästner"), dass die Schulen auch kooperieren. Einig sind sich alle Rektoren darüber hinaus, dass die Einarbeitung zunächst eine Menge Arbeit kosten, dann aber zu einer dauerhaften Erleichterung für die Lehrer führen wird. Denn die Kinder sollen ja später selbstständiger arbeiten. Getreu dem Standardsatz von Dr. Klippert: "Die Lehrer arbeiten zu viel, die Schüler zu wenig." Und auch Jürgen Kessler hat einen plastischen Vergleich: "Es ist praktisch wie mit einem neuen Computerprogramm. Zunächst muss man eine Menge Daten einfüttern. Aber dann vereinfacht es die Arbeit wesentlich."
Rhein-Zeitung - Ausgabe Region Altenkirchen vom 07.09.2006
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